Laß uns fliegen

Hauptseite
Beruf
Spiele
Freiheit für Links
Geschichten
Über die Magomos
Der Alte
Laß uns fliegen
Der Zauber der Nacht
Die Straße der Ewigkeit
Der Gehilfe des Königs
Die zwei Brüder
Die anderen zwei Brüder
Das Gesetz
Lichter am Horizont
Der Sturm
Tränen
Der Feuersturm
Der Feuervogel
Abschied
Hätte ich ....
Das Ende des Weges
Es
Schatten
Kerzen schimmern in der Nacht
Spiegel
Der Ring
Fackel im Wind
Wächter im Tal der verlorenen Wünsche
Geschichte vom Quantenland
Zitate
HP48
ct-Bot
(ct-)Hardware
MP3-Wetterstation
LED-Tafel
LED-Licht
Nixie-Uhr
Diverses
Rechenmaschine AE13
Grundgesetz
Jargon Lexikon
Holgi on Tour
Bilder
Rückmeldung?
Impressum
Schwer atmend sinkt der alte Mann in seinen Lehnstuhl.
Ja, alt, das war er. Das Gute und das Böse von vielen, vielen Jahrzehnten lastet auf seinen Schultern. Wie viele Menschen schon hat er leben und sterben sehen? Wie oft schon sind Freunde gekommen und gegangen?

Seine trüben Augen blicken auf den Käfig mit seinem Vogel. Den hat er als Kind schon bekommen, als nestjunges Vögelchen. Und er ist zu einem Begleiter auf seinem Weg durch sein Leben geworden.
"Fast so alt wie ich", denkt der alte Mann. Sicher, der Vogel hat nicht so viel gesehen wie der alte Mann, wenngleich er ihm auch immer alles erzählt hat.
Früher war der Vogel noch ein ganz normaler Piepmatz, den man beobachtet, wenn er im Käfig tobt und krächzt. Doch im Laufe der Zeit ist der Vogel immer mehr zu einem Teil des alten Mannes geworden.
Vor allem seit damals, vor etlichen Jahren, wo die Frau des alten Mannes gestorben ist.

Heute tobt der Vogel nicht mehr. Auch er ist müde geworden.

Der alte Mann denkt an früher. Immer, wenn er so im Sessel sitzt und den Vogel beobachtet, denkt er an drüher, kommen Erinnerungen, Bilder und Träume von damals. Ja, in der Erinnerung ist alles schöner.

Mühsam beugt der alte Mann sich vor, öffnet den Käfig und holt den erfreut krächzenden Vogel heraus.
So wie jeden Tag.

Doch heute ist etwas anders.

Vorsichtig krault der alte Mann mit zitternden Fingern das Brustgefieder des Vogels.

"Laß uns fliegen!" sagt der alte Mann.

Und sie fliegen los, durch das offene Fenster hinaus aus dem alten, staubigen Zimmer, hinein in das schimmernde Licht des Tages. Immer weiter fliegen sie, aus der lärmenden Stadt hinaus auf das freie Land.

Fast wie von selbst gleiten die beiden durch die warme Luft. Es ist still, nur die Luft pfeift ein wenig an den Ohren.
"Ja, ich kann die Luft pfeifen hören!" denkt der alte Mann und erblickt unter sich eine große, wilde Wiese mit vielen weißen Pusteblumen. Wie lange hat er schon keine Pusteblumen mehr gesehen?

Vorbei an der Wiese, fliegen die beiden über den großen, alten Wald. Unter ihnen huschen die Baumwipfel vorbei, lassen lichte Stellen hinein in das schummerige Grünbraun des Waldes blicken.
In einer eleganten Schleife fliegt der alte Mann durch ein Loch im Wipfeldach hinein in den Wald. Das dämmerige Licht strahlt Ruhe und Frieden aus. Ja, hier fühlte er sich immer wohl, hier bei den alten Bäumen, die noch viel mehr als er gesehen haben. Er riecht die holzige, erdige Luft, sieht die einzelnen Sonnenstrahlen, die durch die Blätter fallen und mit dem Staub in der Luft spielen.
Er fliegt zwischen den Bäumen hindurch. Der farnbedeckte Waldboden streicht unter ihm vorbei, er hört einige Vögel und sieht ein oder zwei Rehe gleich da hinten, und diesmal laufen sie nicht weg.

Als die beiden wieder aus dem Wald herauskommen, empfängt sie wieder das helle Licht des Tages. Unter ihnen irrlichtert das warme Licht der Sonne in der nur leicht vom Wind bewegten Oberfläche des großen Sees.
Die beiden steigen höher, hinein in den stillen Frieden der Luft. Sie fliegen vorbei an einem Schwarm Wildgänse, die gerade zur Landung ansetzen und die ruhige Oberfläche des Sees in ein irritierendes Geflecht ineinandergehender Kreise verwandeln, in denen das Licht der Sonne funkelt.

Immer weiter fliegen die beiden. Unter ihnen steigt der Boden an, reckt sich die Erde hinauf in den Himmel. Immer höher werden die Berge, fliegen sie über weite, grüne Berghänge hinauf.

Steil bricht der Boden unter ihnen weg. Sie fliegen hinein in die gigantische Leere des weiten Tales, welches die riesigen, steilen Berge voneinander trennt.

Freiheit. Frieden. Ruhe.

Ein unglaubliches Gefühl durchströmt den Körper des Mannes. Der Vogel neben ihm krächzt laut und fröhlich.

Sie fliegen mit den Wolken um die Wette, hinein in die unendliche Weite, immer höher, immer weiter, der Sonne entgegen.

Freiheit. Frieden. Ruhe.

Am nächsten Tag findet die Putzfrau den alten Mann und den Vogel tot im Sessel. Tot, aber umgeben vom Eindruck von Frieden und Ruhe.

11.2.97 Der Zauber der Nacht Die literarische Ecke Der Alte


©2017 Holger Thiele
generiert aus "fliegen.template" vom 28 07 2001
Valid HTML 4.01!